Thaumatrop

Clara Bausch ist eine Findende, sie findet Momente, Situationen und Bilder, die sie mit der Foto- oder Filmkamera festhält, aus den jeweiligen Kontexten herausfiltert und in andere Bildwelten überführt.  Aus ihrer präzisen Beobachtung, dem gezielten Spiel von Licht und dem Wissen um die Manipulierbarkeit unseres Gehirns modifiziert die Künstlerin ihr gefundenes Bildmaterial zu Inszenierungen des Blicks. Sie konstruiert Fiktionsräume und schafft damit Freiräume für visuelle Illusionen – gleich einem „Thaumatrop“. Die simple optische Täuschung des bekannten und bis heute faszinierenden Spielzeugs ist die Verschmelzung von zwei einzelnen Bildern durch Bewegung zu einem Bild. In der Weiterführung wird mit den beliebten Daumenkinos aus einzelnen Bildern durch Bewegung ein Film. 

Clara Bausch arbeitet künstlerisch durchweg analog. In ihren Fotografien der Reihe „Déja-Vu“ verschmelzen Bilder jedoch nicht durch Bewegung, sondern durch Licht. Was wie Collagen oder Doppelbelichtungen anmutet, sind tatsächliche Durchleuchtungen von Zeitungsbildern, deren Konstellationen sie findet. Die Künstlerin durchdringt die mediale Oberfläche mit ihrer Kamera, wodurch eine faszinierende, oft malerisch wirkende, Ästhetik entsteht, die hierzu entgegen verstörende Sujets vermittelt. Die Perversionen der aus Wirtschaftlichkeit und Platzgründen oft willkürlich nebeneinandergesetzten Beitrags- und Werbebilder sowie die damit einhergehende mediale Ästhetisierung von Gewalt werden schnell spürbar, durch die Künstlerin aber nicht anklagend vorgeführt. Der Ansatz von Clara Bausch ist subtiler, intelligenter. In ihrer künstlerischen Arbeit geht es ihr vielmehr um die  Bewusstmachung, wie Bilder im Kopf festgehalten und gespeichert werden, wie sie, auch aus unterschiedlichen Kontexten, miteinander verschmelzen, wie sie erzählen und sich doch sukzessive von der ursprünglichen Narration lösen. Ihre  Fotografien sind Konglomerate an Bildgeschichten, die immer fragmentarisch bleiben und gerade als Fragmente den Freiraum für einen anderen Blick öffnen. 

In der Filmarbeit „and the smile is red on red“ spürt Clara Bausch diesem Prozess der Bild-Erinnerung nach. Auf den Dächern über Kairo befragt sie ihre arabischen Künstler-KollegInnen nach ihren Erinnerungen zu den Ereignissen der Revolution von 2011 bis heute, indem sie sie aus Deutschland mitgebrachte Bilder der Berichterstattungen beschreiben lässt. Es entsteht ein Kaleidoskop aus Bild, Sprache und Text, deren unterschiedliche Perspektiven ineinandergreifen ohne je einem Erzählstrang zu folgen. Spuren handwerklicher Prozesse des analogen Films laufen dazu parallel wie eine ästhetische Dokumentation aus dem Off. 

Ebenfalls über ein Medium kommt Clara Bausch mit den arbeitenden Menschen des Marktes nahe dem Ort Osinów Dolny ins Gespräch: Auf einem Zettel mit polnischer Übersetzung fragt sie die Verkäuferinnen und Verkäufer nach ihrenTräumen. Das Gelände der ehemaligen Papierfabrik beherbergt in seinen Ruinen seit 1990 einen der größten Märkte im Grenzgebiet zwischen Polen und Deutschland. An diesem Ort des Transits, der Grenzerfahrungen sowie der Geschichte einer Arbeitswelt von einst, heute und morgen untersucht die Künstlerin in „Oder Center Berlin“ Relikte wie auch Möglichkeiten eines Neudenkens von Ort. Abgefilmtes Bildmaterial der Vergangenheit und Szenerien der Gegenwart vereinen sich zu narrativen Fragmenten, während das kakophonische Treiben um den Verkauf die stillgelegten Maschinen mithören lässt. Der Sound wird zum abstrakten Moment, der die Überlagerungen von Historie transferiert.

Die analogen Filme von Clara Bausch evozieren bewusst Erinnerungen an die Geschichte des Kinofilms. Radikaler als in den Fotografien ist hier das Nebeneinander von Abstraktion und narrativen Momenten. In „Code“ rhythmisieren, trennen und verbinden zugleich weiße Zwischenbilder die einzelnen Film-Bilder, ein Wechselspiel aus Bild-Informationen und Leere in Form von gleißendem Licht. Denn die weißen Zwischenbilder sind aus zu viel Licht entstanden, d.h. zu viel Informationen, so dass sie letztendlich keine Informationen mehr in sich tragen. Gerade aber diese Leere, oder besser Überfüllung, öffnet einen abstrakten, kreativen Raum und verstärkt wiederum die Wirkung der einzelnen Bildsequenzen – vergleichbar dem Weiß bei einer Zeichnung, das die Linie hervorhebt, oder dem Augenblinkern gegen das Licht, womit eine neue Justierung des nachfolgenden Bildes erfolgt.

Ungewohnt konkret in ihrer künstlerischen Formulierung zelebriert Clara Bausch die Verabschiedung des analogen Films aus einem Berliner Kino. Für „Heavy Metal“ rettete sie den dortigen analogen Filmprojektor vor der Metallpresse und stellt ihn wie ein Mahnmal gegen das Vergessen in den Ausstellungsraum. Letzte Filmschnipsel leuchten auf und das meditative Rattern erzählt von der harten Arbeit für Glamour, Kult und Kommerz. Der Projektor wird zum Subjekt. Und als künstlerisch zeitgenössisches Ready-made steht er nun im Mittelpunkt der ihm gebührenden Bühne wie der heimliche Star der analogen Filmgeschichte. 

In den künstlerischen Arbeiten von Clara Bausch überlagern sich Geschichten und entstehen vielfache Perspektiven, die im Dialog mit dem gelenkten Zufall Zeit und Raum befragen. Die festgehaltenen Momente und Bilder entwickeln dabei in der Dekontextualisierung durch die Künstlerin eine einnehmende Poetik. Eine Bereicherung für den Diskurs um das Bildgedächtnis. 

© Constanze Musterer